Epoche der Veränderungen

Gesetzlosigkeit

«Die Welt ist unteilbar, solange man nichts teilt.

Aber wenn es eine Welt gibt,

ist es kein Grund, dafür zu kämpfen?..»

 

   Die Welt Feo mit ihren vielen Bodenschätzen, fruchtbarem Boden, heilenden Wassern, zärtlich beleuchtet von ihrem Stern Mirrou, war ein wahrer Paradisgarten, wo es anscheinend keinen Platz gibt für böse Absichten, tückische Pläne und grausame Kriege. Aber die Gedanken der höchsten Kräfte, die beschlossen, eine Welt ohne Rücksicht auf die Gleichtgewichtsgesetze zu schaffen, sollten sich nicht verwirklichen. In die Waagschale legte sich Hass als Gegengewicht zu Liebe, Hinterlist zu Offenheit, das Böse zum Guten, Krieg zu Frieden.
   Das Elttal wurde zum Schauplatz tragischer Ereignisse, welche die Unmöglichkeit der Hoffnung der Weltschöpfer deutlich bewiesen.
   Fleißige Zwerge und Gnomen, die der Wissenschaft zuneigten, lebten friedlich miteinander in einem Gebiet; wenn sie auch keine besondere Liebe füreinander hegten, so suchten sie doch auch keinen Streit. Sie beschäftigten sich mit ihren eigenen Angelegenheiten, nutzten dieselben Güter, mit denen die Natur sie reich beschenkte, sie meißelten, bauten, förderten, lernten, begriffen und genossen einfach ihr Leben. So war es lange Zeit, bis eines Tages...
   Früh am Morgen, als Mirrou gerade erst mit seinen Strahlen die Stiele der Alpenveilchen berührte, brach eine schreckliche Nachricht über die Bewohner von Elt herein: Das heilsame Wasser der Quellen wurde vergiftet! Wessen Hand konnte das Heiligtum entweiht haben, wessen Herz war so hart, dass er zu einer solchen Gemeinheit fähig war? Niemand wusste es. Aber dieses Ereignis war der Same des Argwohns, der im Bewusstsein der Gnomen und Zwerge entstand. Jede Rasse verdächtigte ihren Nachbarn wegen dieses Verbrechens, und das führte zu Misstrauen, Entfremdung und Isolation hervor.
   Zur gleichen Zeit drang der Geist des Krieges in die friedliche Welt Feo ein, in Form von Angriffen der Orks, die immer faul und unzufrieden waren, deren Lebensweise ungeordnet war. Im Lauf der Geschichte hatte sich ergeben, dass die Orks in Ländern lebten, deren Ressourcen zu schnell durch falsche Nutzung erschöpft waren, und nun mussten sie viel Kraft und Beharrlichkeit aufwenden, um die lebensnotwendigen Güter zu erhalten. Da sie diesen Umstand als Ungerechtigkeit betrachteten und nicht mehr als andere arbeiten wollten, und auch wegen ihrer angeborenen Aggressivität, fanden die Orks ihrer Meinung nach den richtigen Weg, dieses Problem zu lösen: Sie drangen in die Länder der anderen Kreaturen ein, schüchterten die Bevölkerung ein und entrissen ihnen ihr Land mit Gewalt. Solche Angriffe säten Feindschaft zwischen den Rassen. Die Luft war erfüllt von Hass.
   Das Elttal war für Orks ein leckerer Bissen und zugleich unerreichbar. Ihnen war klar, dass sie die Gnomen und Zwerge nicht überwältigen konnten, solange diese einig waren. Daher beschlossen die Orks, eine List anzuwenden. In einer dunklen Nacht, als der Gott des Schlafes das Bewusstsein der Talbewohner umfing, schlich sich ein Ork-Kundschafter zu den Quellen und schüttete Gift in das heilende Wasser. Der Plan der Orks war ideal ausgedacht: Das Ziel, Misstrauen und Feindseligkeit zwischen Gnomen und Zwerge zu säen, wurde erreicht. Immer öfter gerieten Angehörige dieser beiden Rassen in Streit, immer öfter kamen Fragen über die Landverteilung auf, immer öfter griffen die Orks die geschwächten Rassen an und entrissen ihnen ihre Länder.
   Nachdem die Zwerge durch ständige kleine Fehden entkräftet waren, einige Angriffe von Orks überstanden und Land mit Silbergruben verloren hatten, beschlossen sie, dass sie genug Not und Verlust erlitten hatten. Sie versammelten sich des Nachts und hoben einen riesigen Graben aus, der die Länder der Zwerge und Gnomen voneinander abgrenzte. Dabei blieben die Eltquellen auf der Seite der Zwerge. Als die Gnomen am Morgen sahen, welche Gemeinheit die Zwerge ausgeheckt hatten, ergriff sie gerechter Zorn! Krieg – eine Schlacht, das heftigste Mittel, Konflikte zu lösen, Blutvergießen, der Heilige Krieg... wurde erklärt! Anführer der Gnome wurde der kühne Faulius, dessen Mutter schon seit einigen Monate an einer unbekannten Krankheit litt, und nur das Heilwasser der Quellen erhielt sie am Leben. Angetrieben von seiner Wut, von seinem für sein Volk blutenden Herzen und von der Angst um seine Mutter sammelte Faulius alle Männer seiner Rasse und zog mit ihnen in den Krieg gegen die Zwerge. Und es wurde eine schreckliche Schlacht! Ein Gemetzel, in dem Köpfe rollten und Blut floss, in dem niemand, selbst Kinder nicht, verschont wurde, wo das Herz schwieg und der Verstand gefror. Ein Krieg, in dem jeder seine eigene Wahrheit und seine eigene Lüge hatte. Dieses grauenvolle Gemetzel, das Tausende von Leben beendete, Frieden und Wohlstand vernichtete, den Auftakt zu endlosen Fehden gab, ging in die Annalen als Gesetzlosigkeit ein. Die Eltquellen, die der Grund aller Zwietracht waren, fielen niemandem zu. Mit Blut durchtränkt verloren sie ihre Heilkräfte. Der Boden des Tals trocknete aus, die Luft wurde vom Todesgeruch durchdrungen.

 

 

 

Die Schlacht der Menschen und der Dunklen Elfen. Die Ermordung des Weisen Fionius.

 

   Vor sehr langer Zeit, als der Frieden noch über Feo gebreitet war wie ein weißes Leinentuch, das noch kaum von der Flamme des Krieges versengt war, wurde hinter der geheimnisvollen Schneetalsenke neben einem dichten Wald die Stadt Leiton gebaut, eine Stadt der menschlichen Rasse, die würdevoll und bedächtig die Weiten der Welt Feo erschloss.
   Die Menschen, die in diese Länder kamen, nutzten die ausgedehnten Wälder als Rohstoffquelle für ihre primitiven Bauten, als Gelegenheit, Beeren und Wurzeln zu finden oder Wild als Nahrung zu erlegen. Die Jahre vergingen und die Stadt wuchs allmählich. In der Nähe wurden Bodenschätze entdeckt, die Holzwände wichen Wänden aus Stein.
   Die Menschen erschlossen mehr und mehr die umliegenden Gebiete und drangen tiefer und tiefer in den Wald vor, den sie schlicht und einfach den Leitoner Wald nannten.
   Mit jedem Jahr, das die Menschen weiter in den Wald vordrangen, stießen sie auf ungewöhnliche Erscheinungen und bemerkten unverständliche Zeichen und Spuren: Bäume mit rätselhaften Symbolen, geheimnisvolle Wiesen, auf denen die Menschen immer eine unerklärliche Angst ausstanden und wie von Hunden gehetzt querfeldein davonrennen wollten. Außerdem begannen die Menschen im Wald die Anwesenheit von ohne Zweifel mit Verstand begabten Wesen zu bemerken.
   In der Stadt gingen Gerüchte um. Man erzählte sich, wenn man den Wald betrete, habe man das Gefühl, als ob jemand einen beobachtete, jemand Feindseliges. Da viele in den Wald gingen, um zu jagen, sich mit Beeren und Wurzeln zu versorgen, kam es auch vor, dass Menschen verschwanden. Aber was sollte man machen, so etwas kam vor … Vielleicht hatte sich der Mensch verirrt, oder ein Höhlengordt hatte ihn zerissen – ein Wald war ein Wald, ein Stück wilde Natur. Aber nun, im Lichte der letzten Funde, begann man an, diese Fälle anders zu betrachten. Die Lage in der Stadt wurde schwieriger, die Menschen gingen seltener in den Wald, deswegen nahmen die Nahrungsvorräte ab. Der Stadtrat mit dem Ältesten Fionius an der Spitze beschloss, eine Bürgerwehr für die Beschaffung von Lebensmittel zu organisieren.
   „Warum ist niemand auf den Gedanken gekommen, dass die Theorie von der Anwesenheit Fremder durch nichts als Geschichten und irgendwelche merkwürdigen (aber auch nicht mehr) Gegenstände gestützt wird“, sagte Fionius auf einer Ratsitzung. „Aber wenn die Leute Angst haben, setzen wir Wächter ein. Denn die unverständige Angst der Menschen soll nicht die Versorgung der Stadt gefährden. Ich streite den Gedanken nicht ab, dass es irgendwo im Wald eine verdammte Stelle gibt, wo noch Reste der alten Magie wirken. Aber in jedem Fall muss man diese Stelle zuerst finden, um zu wissen, was man unternehmen kann.“
   Der erste Trupp zog bei Tagesanbruch aus und kehrte am Abend mit reichen Nahrungsvorräten zurück. Niemand hatte mehr diese unverständliche Angst oder Blicke in seinem Rücken gefühlt. Es stellte sich bei näherer Betrachtung heraus, dass die geheimnisvollen Zeichen auf den Bäumen nur Rindenmuster und Zweiggewirr waren. Man gewöhnte sich bald an die Wache, und allmählich kam das Leben wieder in geordnete Bahnen.
   Einmal, bei Einbruch der Nacht, als man das Stadttor schon schließen wollte, sah der Wächter auf dem Stadtturm ein merkwürdiges Wesen, das auf dem Weg zur Stadt herankroch. Eine Streife wurde ausgeschickt, um alles zu prüfen. Das merkwürdige Wesen war Lezest - einer der Wachmänner, die an diesem Tag in den Wald geschickt worden waren. Seine Rüstung war zerstört, er erkannte niemanden wieder und redete wirres Zeug von Wassermauern, die ringsherum aufstiegen, von zum Leben erwachten Bäumen und von einem noch nie gesehenen Baum, dem anstelle der Wurzeln riesige Knochen wuchsen.
   Blitzschnell verbreiteten sich Gerüchte in der Stadt. Eilig trat der Rat zusammen, obwohl es schon spät in der Nacht war. Lezest wurde wieder zu Bewusstsein gebracht, vor den Rat geführt und nach Details gefragt. Seiner verworrenen Erzählung konnte man entnehmen, dass der ganze Trupp Wächter und auch die Sammler und Jäger höchstwahrscheinlich tot waren.
   Der Trupp war weiter als gewöhnlich in den Wald vorgedrungen und auf einen See gestoßen, in dessen Mitte ein riesengroßer, hässlicher Baum wuchs. Die Wurzeln dieses Baums krochen aus dem Wasser hinaus und bildeten Inseln. Man beschloss, hier haltzumachen. Einige Menschen stiegen ins Wasser, um zu schwimmen, andere begannen Zelte aufzuschlagen, Holz zu hacken und Lebensmittel zu sammeln. Alles ging gut, bis Lezest beschloss, für das Lagerfeuer trockenes Rohr abzuhauen, das in der Nähe aus dem Wasser ragte. Mit dem ersten Schlag der Axt erhob sich wildes Gebrüllt, er wurde weggeschleudert, sodass er gegen den nächsten Baum stürzte. Bevor er die Besinnung verlor, sah er, dass das Wasser im See aufbrodelte und wie ein Mauerring anstieg, sodass ein Kelch entstand. Dann stürzte diese Mauer auf das Lager und riss alles mit sich in den See. Die Wurzeln des Baumes verwandelten sich in gelbe Knochenfangarme und griffen nach allen Menschen, die im See oder am Ufer waren. Wann er wieder zu Bewusstsein kam und wie er zur Stadt gelangte – daran konnte er sich nicht erinnern.
   Nach Lezests Bericht beschloss der Rat, dass dieser verdammte Ort und dieser mörderische Baum gefährlich für die Stadt und ihre Bewohner waren. Der Ratsherr Ander schlug vor, den merkwürdigen Baum mithilfe einer kürzlich von ihm entdeckten Flüssigkeit zu verbrennen und so den Leitoner Wald von dem Fluch zu befreien.

   Am nächsten Tag verließ ein verstärkter Trupp Bogenschützen die Stadt und wendete sich zum Leitoner Wald. Der Trupp führte einige Fässer der Feuerflüssigkeit mit sich. Am Abend kehrte er schon ohne die Fässer zurück und Ander, der diese Operation leitete, meldete dem Rat das Ergebnis. Die verdammte Stelle war vernichtet. Leiton war wieder sicher.
   Alles war leichter gegangen, als sie erwartet hatten. In der Stadt wurde ein Fest ausgerufen.
   Doch am folgenden Morgen wurde Leiton vom Schlag der Kriegstrommel geweckt. Verwirrt rannten die Menschen mit ihren Waffen auf den Stadtplatz. Dort herrschte große Unruhe, die Stadtbewohner wurden in aller Eile zu Trupps zusammengestellt und nach allen Richtungen auf die Stadtmauer geschickt. Niemand begriff, was überhaupt geschah. Nur das beunruhigende Grollen der Kriegstrommel sagte, dass in der Nähe Unheil drohte. Auf den Stadtmauern war kein Durchkommen: Menschen rannten, klapperten mit Waffen und Rüstungen; Bogenschützen nahmen ihre Positionen ein; man bereitete kleine Katapulte zum Schießen vor. Und nicht weit vor der Mauer konnte man schon den Grund all dieser Hast erkennen...
   Gut organisierte Reihen merkwürdiger Krieger in leichten, dunklen Rüstungen, bewaffnet mit bizarren Bögen.
   „Das sind Dunkle Elfen“, sagte Fionius, der dieses Bild vom Mittelturm aus beobachtete, „Diener einer alten, lange vergessenen Magie. Wenn ich mich recht erinnere, haben sie auf jede Verbindung mit der Außenwelt verzichtet und sich dem Studium der Magie und der Verwandlung ihrer selbst in höhere Wesen gewidmet, damit sie die Welt Feo verlassen können, die sie nicht als ihre Heimatwelt wahrnehmen. Es ist seltsam, sie sehen sehr entschlossen aus. Ich versuche, mit ihnen zu sprechen und die Ursachen ihres Handelns zu erfahren.“
   Fionius trat zum Turmgeländer und rief mit starker, lauter Stimme:
   „Wozu seid ihr in Waffen zu unseren Stadtmauern gekommen? Wir sind friedliche Menschen, wir wollen einfach leben, ohne jemand zu behelligen. Aber wir wollen auch, dass niemand uns behelligt. Ich kenne euch, ihr seid Kinder des Waldes, wir sind Kinder der Stadt, wir haben nichts zu teilen. Wir können friedlich miteinander leben und sogar einander helfen, indem wir unser Wissen austauschen.“
   Aus den Reihen der Elfen trat ein hochgewachsener Elf in silberner Rüstung hervor und sprach. Er sprach nicht besonders laut, aber seine Stimme drang in die Ohren eines jeden Stadtbewohners, und seine Worte jagten Angst ein.
   „Du kommst zu spät mit deinen Vorschlägen, Alter. All die Jahre haben wir mit euch friedlich gelebt, ohne euch unsere Freundschaft und unsere Probleme aufzudrängen. Wir lebten im Wald zusammen, er ist riesengroß und genügt für uns und für euch. Aber ihr Menschen habt alles zerstört. Ihr habt den heiligen Baum Sorgal Mitael Latunache, das Herz des Waldes, getötet. Jetzt stirbt der Wald, dann sterben wir und schließlich wohl auch ihr. Aber wir wollen nicht auf euren Tod warten, wir bringen ihn euch selbst.“
   „Nein, wartet...“
   Ein schlanker, gefiederter Pfeil durchbohrte Fionius’ Brust, seine Rede brach ab und der Alte fiel in die Arme der hinter ihm stehenden Ratsherren.
   Dieser erste Pfeil war das Signal. Die Elfen hoben ihre Waffen, die Luft schwirrte vom Geräusch der gespannten Bögen. Als die Pfeile flogen, schien es, als ob plötzlich eine Gewitterwolke das Feld und den Weg vor der Stadt bedeckte. Diese Wolke goss über der Mauer ihren tödlichen Regen aus. Die Wächter der Stadt versuchten, entsprechend zu antworten, aber die Reichweite und Treffsicherheit ihrer Pfeile ließen neben den Elfen zu wünschen übrig. Menschen starben zu Dutzenden, die dünnen Pfeile fanden ihre Opfer sogar in schweren Rüstungen, sie drangen durch die Verbindungsstellen. Selbst die leichteste Pfeilwunde war tödlich – die Elfen benutzten ein Gift. Von Stadtmauern aus schossen die Katapulte zurück, und die Anzahl der Opfer glich sich ein wenig an. Auf die leicht gerüsteten Elfen stürzten schwere Steine herab, welche die Rüstungen mitsamt den Knochen darunter zermalmten.
   Vom Rat der Stadt blieb nur Ander am Leben, er befehligte den Kampf trotz der Unmenge an Pfeilen, die von allen Seiten heranflogen. Er befahl, die meisten Menschen in den Türmen zu verstecken und nur die Meister mit den leichten Katapulten auf den Mauern zu lassen. Dabei bedachte er ständig die vorhandene Situation. Er vergeudete seine Zeit nicht damit, die Ursachen dieses Krieges zu verstehen, er bereute das verbrannte Herz des Waldes nicht. Er dachte daran, was in diesem Augenblick zu tun war, um die Stadt und ihre Bewohner zu retten.
   Plötzlich kam ihm der rettende Gedanke! Wenn dieser merkwürdige Baum mithilfe seiner Erfindung vernichtet wurde, warum konnte man dann nicht den überlegenen Angriff des Gegners auf diese Weise überwinden?
   Er ging zum östlichen Eckturm, dessen Schießscharten auf eine riesige Schlucht ausgerichtet waren, und gab den Meistern der zwei leichten Katapulte in den Ecken einen Befehl. Der Beschuss wurde eingestellt. Die Elfen sammelten sich wieder zu Kolonnen, doch diesmal stellten sie sich zu einem Zeichen auf. Seltsam wehmütige Töne schwebten über der Ebene. Als ob der Wind plötzlich traurig geworden sei und dies der Welt mitteilen wollte. Ein seltsames Lied erklang über die Ebene und die Mauern begannen plötzlich, sich zu verziehen. Aus den Steinen krochen Wurzeln mit ungewöhnlicher Form; sie bohrten sich in den Mörtel, der die Steine verband, als ob sie ihn durchnagen wollten. Ander begriff als erster, was geschah. Er lief vom Turm herab und schwang sich vor der auf einen Befehl wartenden Reiterei aufs Pferd. In den Gesichtern der Reiter stand harte Entschlossenheit, mächtige Schwerter zitterten in ihren nervösen Händen wie ein Sandindar in Vorfreude auf Blut.
   “Brüder“, wandte sich Ander an die Reiter, „der Zukunft unserer Kinder wegen werden wir heute sterben.“
   Die Stadtmauern begannen unter dem Druck der aus ihnen wachsenden Wurzeln abzubröckeln, hier und da brachen sogar große Blöcke heraus.
   „Wir müssen uns beeilen“, sagte Ander. Er schwang sein Schwert, damit man das Tor öffnete.
   In glänzender Rüstung flog die Reiterei zum Stadttor hinaus wie ein funkelnder Armbrustbolzen, der seinen Flug in die geordneten Reihen der Elfen lenkte, die noch immer ihr Lied sangen. Das Lied brach unter dem Ansturm zusammen und im Vordergrund blieb der Gesang der Schwerter. Der todgeweihte Trupp kämpfte, trat die Feinde grausam unter die Hufe der Pferde, hieb Köpfe und Arme ab.
   „Nach Osten“, zeigte Ander mit dem blutigen Schwert und der Rest der Truppe folgte ihm, sich in die Richtung der namenlosen Schlucht durchzuschlagen. Auf dem Ritt zur Schlucht gingen weitere Reiter verloren. Die Elfen verfolgten sie und schossen im Reiten ihre kurzen Bögen ab. In der Schlucht saß der Trupp eilig ab und bildete einen Ring, die blutigen, scharfen Schwerter nach außen gerichtet wie Stacheln. Das sah vielleicht komisch aus, denn diese Formation schützte nicht gegen Waffen, die aus der Ferne zuschlugen, schon gar nicht gegen die Waffen der Elfen. Aber Ander hatte einen anderen Plan. Als die Elfen, die noch am Leben waren, in die Schlucht hineinstürzten, um die Handvoll Kämpfer dort zu umzingeln, schossen die kleinen Katapulte vom Ostturm, und ihre Ladung waren keine Steine … Feuerkugeln pfiffen durch die Luft. Ander senkte sein Schwert, schaute zum Himmel hinauf und lachte. Ein Teil der Ladung fiel am Eingang der Schlucht nieder und versperrte ihn, der Rest fiel mitten in die Ränge des Elfenheers. Am Boden vergossen die Kugeln ihr Feuer auf die Umgebung.
   Die Flammen strömten und schlossen die Elfen ein, die sich entsetzt hin und her warfen und versuchten, einen Ausweg aus dieser teuflischen Falle zu finden, in die die Menschen sie gelockt hatten. Ander stand inmitten dieser Hölle und lachte, lachte, lachte … Sein schallendes Lachen übertönte das Stöhnen und Schreien der im Feuer gefangenen Elfen und Menschen. Er lachte und lachte, bis die Flammen ihn verschlangen, und das Geheul des eines schrecklichen Todes Sterbenden verbreitete sich über die Ebene. Die Katapulte schossen unnachgiebig weiter und verwandelten die Schlucht in einen See aus Feuer.
   Der Angriff wurde abgeschlagen, die Stadt hielt stand. Aber sie wurde nie mehr wie früher. Eine schwarze Brandwunde unter dem Ostturm erinnerte immer an diese Schlacht.
   Der Leitoner Wald, der für die Stadt die wichtigste Nahrungsquelle war, wurde sehr schnell dünner und wich mehr und mehr zurück. Niemand hatte geglaubt, dass sich die Worte der Elfen vor der Schlacht bewahrheiten würden. Aber so war es. Die Menschen mussten immer tiefer in den Wald hineingehen, immer weniger Tiere, Vögel und Bäume lebten im Wald. Der einst riesige Leitoner Wald nahm im Lauf der Jahrzehnte ab. Gleichzeitig begann eine Schlucht zu wachsen, die von den Menschen den Namen die Tödliche erhielt. Der neue Rat wollte nicht warten, bis die Stadt völlig ausgestorben war. Die Menschen verließen diesen Ort und zogen nach Westen, wo sie hinter dem Fluss Smira die neue Stadt Basturionstadt gründeten. Dort, wo früher Leiton war, blieb eine riesige schwarze Schlucht, und diese Stelle nennt man jetzt das Tote Tal. Der Leitoner Wald verschwand, als ob er nie existiert hätte, und an dieser Stelle liegt jetzt nur ein leeres Plateau, auf dem immer ein starker Wind weht, der merkwürdige, geheimnisvolle Töne aus dem Toten Tal mitbringt.

 

 

Das Reich der Magmaren. Das Reich der Menschen.

 

   Die Geschichte kann vergessen. Jetzt, da das Schicksal aller nur noch an einem Faden hängt und die Faust der Ungewissheit die Herzen von Tausenden und Abertausenden bedrückt, die noch am Leben sind, erinnern sich nur wenige an vergangene Größe. Wer weiß noch, was am Anfang war? Wer löste die Lawine des Krieges aus, die durch die Welt Feo rollte und alles vernichtete, was einst mit solcher Mühe errichtet wurde...

   Die großen, schwerfälligen, äußerst starken Magmaren haben keine Neigung zu exakten Wissenschaften. Nicht nur ihre Kultur, die sich im Tanz zu einfachen Trommelrhythmen ausdrückt, sondern ihr ganzes Leben, das sich auf die Gewinnung von Nahrung und auf das Studium der Kriegskunst gründete, war nur ein Hülle, hinter der sich etwas versteckte. Etwas, das tiefer und bedeutender war.
   In der Welt Feo, welche die Epoche der Veränderungen durchlebte und schon mit dem Pfeil der Feindschaft durchbohrt war, lebten die Magmaren einfach und bescheiden. Sie wurden hauptsächlich zu Arbeiten eingesetzt, bei denen man nicht denken muss, sondern kräftig zupacken. In ihrer Seele waren die Magmaren treuherzige Kreaturen und benügten sich mit dem, was das Leben ihnen gab. Sie arbeiteten in Schmieden und Steinbrüchen oder dienten in verschiedenen Armeen als Söldner und waren mit ihrem Schicksal zufrieden. So blieb es lange Zeit, bis eines Tages...
   In einer Nacht, die sich wenig von anderen Nächten unterschied, wurde in einer kleinen Siedlung am Rande der Stadt Magrimar ein Junge geboren. Seine Mutter starb während der Geburt, und der Junge wurde Andelwan genannt, das bedeutet: „der mit dem Leben des Anderen Lebende“.
   Andelwans Vater, der auch früher selten zu Hause war, weil er zu einer der größten Söldnergilden gehörte, verbrachte nach dem Tod seiner Frau noch weniger Zeit zu Hause und mehr auf Feldzügen, und so wurde Andelwan von Egijam, der Mutter seiner Mutter, erzogen. Andelwan wusste nicht, dass seine Großmutter eine Auserwählte der Götter und Bewahrerin des Feuerstabs war, in dem die ganze Kraft der Magmaren lag. Da sie wusste, dass sie nicht mehr lange am Leben sein würde und noch nichts für ihr Volk getan hatte, beschloss Egijam, Andelwan zum neuen Bewahrer des Feuerstabs zu erziehen. In den Erzählungen der Alten, die der junge Andelwan gerne hörte, wurden Magmaren als eine weise und mächtige Rasse dargestellt, der es nicht anstand, schwere Arbeit für andere zu tun, eine Rasse, die geboren war, um andere zu beherrschen. Der Junge saugte diese Erzählungen auf wie ein Schwamm, und als er volljährig wurde, weihte ihm die Großmutter in das Geheimnis des Feuerstabs ein.
   „Ich hatte ein langes Leben, aber die Angst vor dem, was ich tun sollte, versklavte mich und ich konnte die mir geschenkten Möglichkeiten nicht nutzen. Ich hoffe, dass du, mein Enkel, erreichen wirst, dass unser Volk seinen wahren Platz in der Welt Feo einnimmt. Und dieser Stab soll dir mit Recht zukommen. Du musst außerdem wissen, dass wir Magmaren auch die Magie beherrschen. Aber unser Volk schläft noch und ebenso seine Fähigkeit, aber der Stab in geübten Händen kann dieses schlafende Wissen erwecken.“
   Bei der Übergabe des Stabs an ihren Enkel bemerkte Egijam, dass der Knauf aufflammte, der gewöhnlich in trübem Purpurrot leuchtete. Als Andelwan den Stab berührte, floss eine dunkle Flamme durch seine Hände und umschloss den ganzen Körper.

   Als er erwachsen ward, wurde Andelwan auf Ansuchen des Vaters als Rekrut in die Gilde der Sölder aufgenommen. Er ging durch Konflikte, fühlte auf sich die hasserfüllten Blicke jener, die für ihre Ideale und ihren Glauben kämpften, und überdachte sein Leben und das Leben seiner Rasse. Andelwan sammelte eine Gruppe von Gleichgesinnten, von Magmaren, die ebenfalls über die Lage der Welt nachdachten. Seine Ideen fanden begeisterte Zustimmung unter ihnen, und bald begann sich die Lage der Dinge in Magrimar und seiner Umgebung zu verändern. Zunächst nahm Andelwan mit Unterstützung der Gilde den Platz des Bürgermeisters ein. Seine Reformen, die auf eine Verbesserung der Lebensbedingungen der einfachen Magmaren gerichtet waren, machten ihn populär. Die Gnomen und Zwerge, die die Arbeitskraft der Magmaren am meisten nutzten, wurden gezwungen, ihre Arbeitern nicht nach Gutdünken, sondern nach einem festgesetzten Tarif zu bezahlen. Viele Söldnergilden, die Kanonenfutter für die Gemetzel in verschiedenen kleinen Kriege lieferten, wurden zu einer Gilde zusammengefasst. Jetzt konnte Andelwan selbst den Preis aushandeln und seine Partner auswählen. Das Schicksal selbst schien dem neuen Bewahrer des Feuerstabs wohlgesonnen zu sein. Seine Entscheidungen waren immer wohlüberlegt und erwogen, seine Taten waren klug. Niemand konnte sich vorstellen, dass Andelwan unter der Wirkung eines fremden Willens stand.
   Nachts in seinen Träumen kamen zu ihm unklare Bilder, und die Stimme, die er in seiner Jugend gehört hatte, als Egijam ihm den Stab übergeben hatte, wurde deutlicher. Im Traum wusste er, dass er schlief und dass die Stimme, die ihm erzählt, was in dem einen oder anderen Fall zu tun sei, welche Entscheidungen er treffen müsse, nur ein Traum war. Aber nach dem Erwachen tat er alles, wie er es im Traum gehört hatte, und glaubte fest daran, dass es seine persönliche Entscheidungen waren.
   Mit der Zeit begann die abgesonderte Rasse Züge des sich gründenden Reiches zu zeigen. Die Stadt Magrimar wurde ein Mittelpunkt, zu dem die Magmaren aus den entlegensten Enden der Kontinente Khair und Ogrij strebten. Das Reich wurde größer und dehnte seinen Einflussbereich auf beiden Kontinenten aus. Andelwan zwang alle anderen Rassen, die früher eine wichtige Rolle in der Welt Feo spielten, seine Meinung zu berücksichtigen. Als die Nachricht kamen, dass aus dem Mentaliagebirge eine zahlreiche Armee kriegerischer Orks auf Magrimar marschierte, beschloss Andelwan nicht zu warten. Die Armee der Magmaren unter Andelwans Führung traf die Orks auf dem Herarsplateau.
   In diesem harten Kampf leuchtete der Stern seines Ruhms nur noch heller. So hell, wie die Orkarmee brannte, die einer zuvor nicht bekannten Magie zum Opfer fiel. Der Stab, den Andelwan immer bei sich trug und der mehrmals verwunderte Fragen von der Seite seiner Untergebenen hervorrief, zeigte seine Kraft. Das Herarsplateau wurde eine kolossale Esse, in der Andelwans Ruhm aushärtete. Nach diesem Kampf erhielt das Plateau einen neuen Namen: Verbranntes Land.
   Aber das Erstarken der Magmaren erregte Anstoß bei den anderen Rassen. Die Anführer der Menschen und Elfen waren nicht erfreut darüber, dass die naiven Magmaren klüger wurden, an Kraft und Macht gewannen. Diese Rassen hatten bereits eine völlig andere Weltordnung, und sie wollten nicht, dass in der Welt Feo die Rasse der Magmaren den ersten Platz einnahm.
   Die Vertreter der anderen Rassen waren sich darüber im Klaren, dass die Magmaren nur so lange stark waren, wie ihr geistiger Führer Andelwan am Leben war. Dazu sagten die Weisen der Menschen, die sich an Götter wandten, voraus, dass Welt durch „ein Feuerwesen mit dem Feuerstab in der Hand“ umkommen wird. Da beschlossen Menschen und Elfen gemeinsam, die Dienste der berühmten Schule der käuflichen Mörder Maasdar in Anspruch zu nehmen. Das Honorar war sehr hoch. Niemand wusste, was der höchste Meister der Schule, der beste Mörder auf beiden Kontinenten, Go’Sanar von den Vertretern der Elfen und Menschen forderte. Dass er beschloss, diese Mission persönlich auszuführen, sagt viel aus.

 

 

   Gleichzeitig begann die Rasse der Menschen, sich zu entwickeln und der Welt Feo ihre Gesetzte zu diktieren. Die sich schnell entwickelnde junge Rasse der Menschen verbreitete sich auf dem ganzen Kontinent Ogrij und teilweise auch auf Khair. Die Menschen, die keine Verbindung zur Natur suchten, bauten Städte, die sich in ganz Ogrij erhoben wie Gebirge, die ein Gott zum Scherz erschaffen hatte. Jede Stadt war ein kleiner Staat mit eigenen Gesetzen, eigener Kultur und Lebensweise.
   Am größten und am weitesten entwickelt war Basturionstadt. Ein Ratsherr dieser Stadt, der junge, ehrgeizige, aber für sein Alter umsichtige Osmol, war mit der Absonderung der Menschen voneinander unzufrieden. Als kluger, scharfer Denker begriff er, dass die Menschen nur mit vereinten Kräften den wichtigsten Platz in der Welt Feo einnehmen könnten. Indem er seine Stadt stärkte und dort eine der mächtigsten Armee bildete, versuchte Osmol die Menschen zu vereinigen. In Ogrij wurde es unruhig. Ab und zu griffen Orkbanden Siedlungen der Menschen an. Als ein kleines Dorf in der Nähe von Basturionstadt niedergebrannt wurde, war das der letzte Tropfen, der Osmol zum entschiedenen Handeln trieb.
   Er teilte die Armee von Basturionstadt in mehrere bewegliche, gut bewaffnete Truppen. Deren Anführer erhielten eindeutige Anweisungen. Die Truppen verteilten sich über Ogrij, in Basturionstadt blieben nur die Stadtgarnison und die Bürgerwehr. Die Truppen fanden und vernichteten die Siedlungen der Orks – niemand blieb am Leben. Sehr oft kamen sie kleinen Städten zu Hilfe, die von Orks belagert wurden. Die Räte dieser Städte waren bereit, den Vertretern von Basturionstadt die Füße zu küssen. Doch es ging natürlich ohne solche Zärtlichkeiten ab. Der Vorschlag, sich zu vereinigen, wurde immer mit Freuden aufgenommen, und die gerettete Stadt begann, sich als weiterer Vorposten des wachsenden Reichs zu verstärken und Soldaten zu rekrutieren. In den Beroner Prärien und an der Luaner Küste, in der Stillen Steppe und am Oberlauf des Zorns säte Osmol die Saat, die keimen und reiche Ernte bringen sollte. In den großen Städten, die keine Hilfe aus Basturionstadt brauchten, ging Osmol mit Diplomatie, Schlauheit und Bestechung vor. In Grand-Fort und in Triwerionstadt am Worg Triwerion wurden die Stadträte von Kriegsherren geführt, die sich nicht unterwerfen wollten, daher musste man die Dienste der Schule Maasdar in Anspruch nehmen. So verging Jahr um Jahr. Allmählich gewann das Reich, dessen Mitte und Hauptstadt Basturionstadt war, deutliche Konturen. Aber Osmol war klar, dass er einen Krieg brauchte, um alle Städte völlig zu unterwerfen. Nicht lokale Zusammenstöße schmutziger Dorfbewohner mit noch schmutzigeren Orks, sondern einen weltweiten, siegreichen Krieg. Einen Krieg, in dem sich sein Reich endgültig festigen konnte, sodass innere politische Strömungen es nicht mehr erschüttern konnten. Um Krieg zu führen, brauchte man einen gemeinsamen Feind. Die Magmaren, deren Städte auch in Ogrij lagen, boten sich an. Osmol war klar, dass so unterschiedliche Rassen, die als erste in die Welt kamen, nicht miteinander auskommen konnten, wenn es um zwischenstaatliche Verhältnisse ging. Sie waren zu verschieden. Aber bevor man einem so starken Feind den Krieg erklärte, brauchte man ein Ereignis, das Panik unter den Magmaren hervorrief und sie auf unbestimmte Zeit in Verwirrung stürzte. Eine Delegation der Elfen, die Basturionstadt in diplomatischer Mission besuchten, schlug einen Plan vor. Den Elfen, die in den Wäldern lebten, gefiel es nicht, wie diese vor kurzem noch schwachen Völker sich schnell entwickelten. Aber die Menschen standen den Elfen im Geiste näher und gingen nicht zu oft in den Schuarwald, die Heimat der Elfen. Dabei hofften die Elfen, dass ein Krieg zwischen Magmaren und Menschen diese beiden Rassen schwächen würde, sodass die Elfen wieder die wichtigste Rasse der Welt Feo wären. Die Elfen schlugen vor, Andelwan zu töten und dadurch das Reich der Magmaren zu enthaupten. Natürlich eignete sich für die Rolle des Mörders einer Persönlichkeit wie Andelwan nicht jeder. Deshalb beschloss man, sich eines bewährten Mittels zu bedienen: der Schule Maasdar im Inneren des Höllenpasses, die selbst in diesen unruhigen Zeiten ihre Arbeit fortsetzte, obwohl ihre Preise recht hoch waren. Nach Verhandlungen mit Meister Go’Sanar, dem Höchsten Meister der Schule, gelangte man zu einem Abkommen. Der Preis war sehr hoch, aber der Einsatz lohne sich, meinte Osmol, um so mehr, da Go’Sanar zusagte, diesen Auftrag persönlich auszuführen; an seinen Fähigkeiten als Mörder zweifelten nicht einmal die Toten … sie am allerwenigsten. Konnte Osmol wissen, wohin das führen würde? Konnte er wissen, welches Chaos und Entsetzen über die Welt Feo hereinbrechen würde? Wohl nicht! Er dachte nur an die Größe der Menschen, und um dieses Ziel zu erreichen, war er zu allem entschlossen.

 

 

Andelwans Ermordung

 

   Andelwan schlief. In der letzten Zeit waren seine Träume ein unterbrochenes Kaleidoskop halb aus Traum, halb aus Wahn. Den Feuerstab an die Brust gedrückt, sodass der Knauf sein Kinn stützte, führte er einen unendlichen Streit mit der Stimme, die im Traum zu ihm sprach. Im Traum wusste er, dass es nicht einfach eine Stimme aus dem Nichts war, dass der Stab selbst mit ihm sprach und ihm verschiedene Taten befahl. Aber nach dem Erwachen vergaß er alles und befolgte die Ratschläge, als ob es seine eigene Gedanken wären. In dieser Nacht forderte die Stimme etwas Unmögliches.
   „Die Rasse der Magmaren“, sagte die Stimme, „ist jetzt in Gefahr. Unser Aufstieg behagt vielen nicht, und vielleicht werden wir gezwungen, Kriege mit vielen unzufriedenen Rassen zu führen. Deshalb müssen wir zuerst angreifen.
   Du hast deine Magiekenntnisse teilweise an deine nächsten Freunde weitergegeben. Wir sind jetzt stark wie nie zuvor und werden vielleicht nie mehr stärker sein. Behandle die anderen Rassen so, wie du die Orks auf dem Herarsplateau behandelt hast.“ Andelwan wälzte sich im Bett und knirschte mit den Zähnen. Im Traum sah er immer wieder Bilder der brennenden Reihen hin und her laufender Orks. Die Vernichtung der Orkarmee auf diese Weise war völlig sinnlos und grausam gewesen. Sie kamen natürlich nicht im Frieden, doch...
   „Ich helfe dir“, sagte die Stimme, „je größer unsere Kräfte sind, desto mächtiger werde ich, und du mit mir. Bald erwacht die vergessene Magie und findet ihre Herren. Unsere Rasse wird die Welt regieren und wir …“ Andelwan erwachte plötzlich von einem Geräusch. Er erinnerte sich an das Gespräch im Traum, an alle Worte, die ihm gesagt worden waren, und dann traf es ihn wie ein Schlag, und alle Kräfte verließen ihn. Lange Zeit hatte er ein fremdes Leben gelebt! Er war eine Puppe gewesen, die von höheren Kräften geführt wurde! Das Geschenk seiner Großmutter Egijam, der Feuerstab, war kein gutes Geschenk; es nahm den Verstand seines Besitzers ein. Andelwan setzte sich im Bett auf, das Kinn auf dem Knauf des Stabes, wie gewöhnlich, aber ein kräftiger Stoß in den Hals warf ihn zurück. Der Stoß wurde leicht seitlich von unten geführt. Der Stab hielt die Hand, welche eine merkwürdige Klinge führte, nicht auf. Die Klinge durchschnitt den Stock, trennte den Knauf vom unteren Teil, brach Andelwans Kehlkopf und drang in sein Gehirn. Andelwan starb augenblicklich. Über seinem Leichnam stand eine Gestalt, eingehüllt in einen Mantel, der bei jeder Bewegung seine Farbe und seine Form änderte. Auf der Brust des toten Andelwan lag der halbrunde Knauf, der in trübem Purpurrot leuchtete. Go’Sanar streckte die Hand aus und nahm den Knauf. Als seine Hand den Stab berührte, flammte dieser auf, und eine dunkle Flamme floss durch die Hände und umfasste den ganzen Körper. Go’Sanar grinste, drehte sich um, tat einen Schritt gerade in die Mauer und verschwand.

 

 

   Wenn die Menschen und Elfen geglaubt hatten, dass die Magmaren ohne ihren Anführer keinen Krieg führen konnten und von den Armeen aus Basturionstadt besiegt werden würden, so hatten sie sich stark verrechnet. Andelwans Tod, tückisch in seinem Schlafzimmer ermordet, erregte alle. Ohne Anführer, aber noch immer mit zentraler Leitung und eiserner Disziplin in der Armee, begannen die Magmaren ihren Rachefeldzug.
   Es wurde klar, dass der Mord auf Einflüsterungen einer Rasse hin verübt worden war. Aber welcher? Viele hatten einen Grund, und deshalb beschlossen Andelwans Anhänger, alle zu vernichten. Kein Mitleid! Nur Rache wollten sie nehmen und ihre eigene Macht beweisen! Die purpurrote Flammen der Brände umloderten beide Kontinente. Mehrere Armeen der Magmaren führten den so genannten „Reinigungskrieg“ und opferten ihrem toten Anführer Tausende und Abertausende von Leben. Nur auf dem Kontinent Ogrij trafen die Magmaren auf Widerstand. Osmols Armeen waren kühn und gewandt. Die Magmaren hatten einen weniger scharfen Verstand als die Menschen. Aber sie glichen diesen Mangel erfolgreich mit ihrer Magiebeherrschung aus. Städte auf den beiden Kontinenten wurden niedergebrannt und vernichtet, und in diesem Feuer starb Osmols Traum vom großen Reich der Menschen.
   Als die Magmaren auf diesen starken Widerstand trafen, verschoben sie alle kriegsfähigen Truppen nach Ogrij , weil sie dachten, dass in Khair ihnen nichts mehr drohen konnte, denn fast alle gegnerischen Rassen waren vernichtet. Aber die Reste der zerschlagenen Armeen der Elfen, Menschen, Gnomen und Zwerge wandten sich nach Magrimar und Feitwor. Das war ein Schritt der Verzweiflung. Magrimar hielt nicht stand. Als die Reste der vereinigten Armee in die Stadt eindrangen, wirkte der Magmar Orgend, der die Verteidigung der Stadt anführte und einer der engsten Freunde Andelwans gewesen war, den schrecklichen Zauberspruch, dessen wichtigstes Element das Herz des Zauberers war. Aber sein geringes Wissen um die magischen Gesetze rächte sich hier – der Zauberspruch, der auf die angreifende Armee gerichtet war, betraf die ganze Stadt! Steine fingen Feuer und schmolzen, Menschen und Magmaren verwandelten sich augenblicklich in Asche. Es war, als ob der Stern Mirrou vom Himmel herabgestiegen und Magrimar zu seiner Residenz gewählt hätte.
   Der zweite Teil der Armee zog auf den geheimen unterirdischen Wege der Zwerge durch die Ruaner Gruben und versuchte mithilfe der Kenntnisse der Zwerge, die das härteste Gestein zerbröckeln konnten, die ganze Stadt niederzureißen, die über einer riesigen, unterirdischen kaverne lag. Der Versuch gelang. Durch diese Tat verschob sich der Boden, und die Kaverne wurde zum Ehrengrab für alle.
   Als diese traurigen Nachrichten Ogrij erreichten, gerieten die Magmaren außer sich. Die Kraft der Lebenden wurde von dem Hass und Gram in ihren Seelen noch verstärkt. Der Fluss Smira, der Jahrhunderte lang kühles Wasser geführt hatte, wurde zum Fluss des Feuers. Dieses lodernde, sich windende Band zog sich wie eine kolossale Narbe über den ganzen Kontinent Ogrij.
    Die kleinen Städte der Menschen wurden völlig vernichtet. Von den großen fielen zuerst Grand-Fort und Triwerionstadt. Als die Türme und Mauern von Basturionstadt unter den Feuerpfeilen zusammenbrachen, führte Osmol die Reste seiner Armee in den entscheidenden Kampf. Er wusste, dass es der letzte sein würde, aber er beschloss sein Leben und das der ihm folgenden Menschen teuer zu verkaufen. Ein feindlicher Feuerpfeil ließ nicht einmal Asche von Osmol übrig, nur in den Herzen der Menschen blieb sein Gedächtnis, die Erinnerung an den Menschen, der davon träumte, dass die Menschen die Welt Feo beherrschen würden. Auch die Schule Maasdar im Höllenpass wurde vom Schicksal eingeholt – sie wurde von Felsblöcken verschüttet und bildete eine riesige Gruft für die lebendig begrabenen Schüler und Meister.
   Die Welt Feo branne, Kulturen, die sich in Tausenden von Jahren entwickelt hatten, neigten sich dem Untergang zu.
   Der Krieg, sinnlos wie alle Kriege, war, wie es schien, nur auf eines gerichtet – auf die vollständige Vernichtung der Vernunft in der Welt Feo. Auf allen Kontinenten blieben nur Reste der Armeen übrig, die eher Räuberbanden glichen. Durch das von diesen Erschütterungen geschwächte Weltgewebe begannen Kreaturen des Chaos einzudringen. Die Ausgeburten der zerstörerischen Magie, die Andelwans Freunde so leichtsinnig verwendet hatten, – Zombies, Vampire, böse Geister und andere Kreaturen, die keinen Namen in dieser Welt hatten, – besiedelten mit der Zeit die Welt Feo. Menschen und Magmaren verwandelten sich in Wesen, die einerseits unvernünftig und andererseites sehr aggressiv waren. Nur die Ankunft von Scheara, der Gebieterin der Drachen, Gesandte der Götter, verbesserte teilweise die Lage; sie rottete den Krieg nicht aus, gab ihm aber ein neues Ziel und einen Sinn.

 

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